Seit 2015 in der Ökumenischen Gemeinschaft: Bernhard Eder

Bernhard Eder, katholischer Theologe und Sozialwissenschaftler, lebt seit Weihnachten 2015 in einer Hausgemeinschaft

Wie kamst du in die Ökumenische Gemeinschaft Wethen?

Ich habe schon im Studium mit anderen Theologiestudent:innen einiges gemeinsam gemacht unter dem Motto: „gemeinsam lernen, gemeinsam kämpfen“. Die Idee, gemeinsam zu leben, hat sich dort aber nicht verwirklicht. 2012 las ich dann in der Zeitschrift Publik-Forum einen Beitrag über Wethen. Das hat mich erinnert: „Da war doch noch ein Traum: Gemeinsam leben, gemeinsame Werte…“
Ich war dann zu einem Besuch hier und bin anschließend mit einem sehr guten Gefühl nach Hause gefahren: „Ich muss hier keinen Kanon an Dogmen oder ein Leitbild unterschreiben. Es gibt eine Pluralität, aber auch klare ethische Leitplanken. Die Themen Spiritualität, Ökologie, Gerechtigkeit sind wichtig, aber auch das Miteinander hier im Dorf.“
Ein zweites Mal war ich 2013 zu den Kartagen in Wethen. Danach war für mich klar: „Ich werde hier leben.“

Wie erlebst du hier die Spiritualität?

So gut wie alle hier haben eine Antenne für Spiritualität, einen Hunger, eine Sehnsucht, eine Praxis, eine Erfahrung. Viele sind „Spiritualitätssucher“. Ich erlebe auch, dass es eine spirituelle Vielfalt gibt, sehr verschiedene Ausprägungen. Das ist eine spannende Herausforderung.

Wie lebst du selbst Deine Spiritualität?

Ich habe im Studium das „Alte“ Testament lieben gelernt, mit dem Lockdown auch noch einmal besonders die Psalmen. Ich las jeden Tag einen Psalm, von Psalm 1 bis Psalm 150, ein Gebetsweg von der Klage zum überschwingenden Lob. Vor allem ist mir das Gebet in Stille wichtig, aber das schaffe ich nicht jeden Tag.

Wie erlebst du die Gemeinschaft in dieser Pandemie-Zeit?

Das ist schon eine Leerstelle, schwierig. Vorher gab es viele Formate, das war schön. Aber ich bin als Mitglied einer Hausgemeinschaft noch in einer privilegierten Situation. Dort sind die Veränderungen mehr im Kleinen zu spüren, z.B. dass wir uns bei den gemeinsamen Mahlzeiten nicht mehr an den Händen fassen. Um unsere Senioren zu schützen, sind wir auch zurückhaltender mit Gästen in der Küche.

Du arbeitest unter anderem auch als Moderator und Fachberater für Dorfentwicklung und hier in Wethen in der Arbeitsgruppe „Zukunft“. Was ist dabei eure Vision?

Seit ich hier bin, sind relativ viele Menschen weggegangen oder haben sich zurückgezogen. Wir werden also weniger, und ich spüre, dass auch bei den vorhandenen die Kräfte schwinden. Wichtig scheint mir, es nicht einfach so treiben zu lassen, sondern die Situation und die Zukunft bewusst zu gestalten. Ich sehe da zwei Optionen: entweder einen Schrumpfungsprozess, das bedeutet Manches, auch lieb gewonnenes, zu verabschieden, uns zu konzentrieren. Oder wir versuchen, neue Leute zu gewinnen. Mein Herz schlägt für diese zweite Option, also zu schauen, welche Möglichkeiten wir haben. Ein Punkt dabei sind die von uns angebotenen Bildungsbausteine.
Wir sind überzeugt, es sei gut, sich auf eine Gruppe zu fokussieren, die biografisch ein Faible dafür hat, einen Ortswechsel zu vollziehen. Aufgrund der bisherigen Erfahrungen haben wir die „jungen Rentner“ identifiziert. In den Veranstaltungen der katholischen Bildungshäuser tummeln sich diese Menschen, die an sozialen Themen interessiert sind, an Miteinander, Gerechtigkeit, Ökologie, aber irgendwie auch spirituell orientiert.
Mit unseren Bildungsbausteinen vermitteln wir einerseits das relevante und aktuelle Wissen über neue Wohn- und Lebensformen und über Basiskirche, und andererseits unsere ganz konkreten Erfahrungen hier in Wethen. Also authentisch, echt, live.

Inwiefern siehst du uns hier als „Basiskirche“?

Weil wir jenseits der kirchlichen Strukturen angesiedelt sind. Wir sind weder Teil des evangelischen noch des katholischen „Systems“, sind unabhängig von Großstrukturen wie Bistum oder Landeskirche. Die meisten von uns sind christlich orientiert. Wir haben eine relativ hierarchiefreie Kommunikationsstruktur. Das ist auch ein Element von Basiskirche.